Die will doch nur spülen

Drei Frauen, eine Entscheidung: Ein Leben als Hausfrau. Warum tun sie das?

 

Antworten aus Leipzig, Wilferdingen und Hamburg

In der hellen, großen Wohnung im Erdgeschoss des alten Klinkerhauses herrscht die Stille, die an einem Vormittag unter der Woche einkehrt, wenn Kinder in der Schule sind und Männer bei der Arbeit. Kein Mensch geht draußen auf den Bürgersteigen vorbei. Es ist eine der schönen Gegenden Hamburgs, in denen die weißen Fassaden strahlen. Ursula Olinde war zwölf Jahre lang Hausfrau gewesen, als sie an einem dieser stummen, nicht enden wollenden Vormittage anfing, nach Jobs zu googeln, als Verkäuferin, Packhilfe, Briefträgerin, egal, Hauptsache, Arbeit.

Sie war wie eine der unglücklichen Hausfrauen aus Betty Friedans The Feminine Mystique von 1963, deutscher Titel: Weiblichkeitswahn. Darin berichten Frauen von den Qualen des Hausfrauendaseins. »Wir dürfen die inneren Stimmen der Frauen nicht länger ignorieren, die sagen: Ich will mehr als meinen Mann, meine Kinder und mein Heim«, schreibt Friedan. Das Buch ist eines der wichtigsten Werke weiblicher Befreiungsliteratur und prägt bis heute das Bild, das man sich von Hausfrauen macht: Frauen, die die patriarchale Gesellschaft zu Hause einsperrt, Frauen, denen man helfen muss.

Bis 1977 machte das Bürgerliche Gesetzbuch alle Frauen zu Hausfrauen. »Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist«, stand in Paragraf 1356. Das ist lange her, im Gesetzbuch sind die Geschlechter gleichgestellt. Immer weniger Frauen wollen heute Hausfrau sein. Laut amtlicher Statistik liegt der Anteil der »Nichterwerbspersonen im erwerbsfähigen Alter mit Einkünften durch Angehörige« an der weiblichen Bevölkerung bei 13,8 Prozent. 2001 waren es noch 19,6 Prozent. Hans Bertram, Soziologe an der Berliner Humboldt-Universität, schreibt in einem Gutachten für das Bundesfamilienministerium, dass in allen Bildungsgruppen der Anteil der Frauen sinke, die sich als »haushaltsorientiert« bezeichnen, die nicht außerhalb der Familie arbeiten wollen und für die Kinder, Haushalt und das eigene Haus die entscheidende Rolle spielen. Bertram sagt, dass dieser Wandel »sich jedoch nicht von der Hausfrauenrolle zur Vollerwerbstätigkeit, sondern zur Teilzeittätigkeit« vollziehe. Seit Arbeitnehmern im Jahr 2001 das Recht zugesprochen wurde, in Teilzeit zu arbeiten, ist die Zahl der in Vollzeit arbeitenden Frauen sogar zurückgegangen. Das wirft vielleicht neue Fragen auf, die Hausfrau dagegen ist nicht mehr die Norm.Aber bei Ursula Olinde war es anders gewesen. Bevor sie ihre Kinder bekommen hatte, war sie Rechtsanwältin für Zivilrecht gewesen, und ihre innere Stimme hatte gesagt: Ich will mehr als einen Job. Ich will einen Mann, Kinder und ein Heim. Sie hörte auf zu arbeiten, als 1998 ihr erster Sohn geboren wurde. Als drei Jahre später ihr zweiter Sohn auf die Welt kam, gab sie ihre Zulassung als Anwältin zurück. Der jährliche Beitrag an die Rechtsanwaltskammer rechnete sich nicht mehr. Und wozu, dachte sie, brauche ich eine Anwaltszulassung, da ich doch jetzt Mutter bin?

Abhängigkeit von einem Mann

Wer sind die Frauen, die trotzdem Hausfrau sein wollen? Warum entscheiden sie sich dafür, über einen längeren, nicht absehbaren Zeitraum oder ihr Leben lang kein Geld zu verdienen, in einer Gesellschaft, in der unser Beruf bestimmt, zu welchen Kreisen wir uns zählen, wie wir leben, wer wir sind? Was verspricht eine Frau sich davon, in der Abhängigkeit von einem Mann zu leben in einer Zeit, in der mehr als ein Drittel aller Ehen geschieden wird?

Ist das Hausfrauendasein heute eine frei gewählte weibliche Lebensform unter vielen – die einen werden Professorin, die anderen Hausfrau? Oder ist die Hausfrau ein Anachronismus, der gesellschaftlich unbedingt überwunden werden muss, vergleichbar mit einem niedrigen Bildungsstand unter manchen Einwanderergruppen?

»Das Muttersein hat mir viel mehr gegeben als mein Beruf«, sagt Ursula Olinde. Sie kochte, kaufte Tischwäsche und Blumen. Ein schreiendes Kind war nichts gegen das Gefühl, den beruflichen Anforderungen nicht zu genügen, das sie als Anwältin für Zivilrecht ständig begleitet hatte. Sie saß jetzt nicht mehr diesen Mandanten gegenüber, die sie fragend ansahen und ihren Rat wollten. »Ich dachte immer, es wäre eine Frage der Zeit, bis ich einen Fehler mache«, sagt sie, »bis alle merken, was für eine schlechte Anwältin ich in Wahrheit bin.« Als Mutter verließ sie sich auf ihre Intuition – was ihr im Beruf nie gelungen war. Es gab keine Selbstzweifel mehr, Ruhe kehrte ein, es war eine Auszeit von allem.

Frei gewählte Lebensform

Erst als beide Kinder in der Schule waren, fiel es Ursula Olinde manchmal schwer, den Tag zu füllen. Zweimal in der Woche spielte sie Basketball in einem Team der Oberliga. Sie lief einen Marathon, für den sie einen Winter lang trainierte. Wenn sie nach dem Laufen nach Hause kam, befand sie sich in einem angenehmen Zustand der Erschöpfung, wie andere sie vielleicht nach einem Arbeitstag empfinden. Aber es ließ sich nicht mehr ignorieren, dass es ihr jetzt unangenehm war, wenn sie gefragt wurde, was sie beruflich tue. »Ich bin zu Hause«, stammelte sie oder: »Ich bin Mutter.« Ihr älterer Sohn fragte sie einmal, warum sie als Einzige in der Familie weder arbeiten noch in die Schule gehe.

In einem Café am Hamburger Dammtor treffen sich Frauen und Männer zum Mittagessen. Sie kommen aus den umliegenden Büros, tragen Kostüm und Anzug und essen Salate und Bagels. Ursula Olinde guckt ihnen zu. Wie bei vielen großen Frauen sind ihre Schultern etwas nach vorne gesunken, als sollte niemand sehen, dass sie über 1,80 Meter groß ist. Beim Sprechen macht sie Pausen, in denen sie überlegt, wie in ihrer Geschichte eigentlich eins zum anderen kam. Olinde sagt, dass es ihr so erscheine, als gelinge den jungen Frauen heute der berufliche Erfolg mühelos. Sie führen Gehaltsverhandlungen, sprechen auf Konferenzen, leiten Projekte, als hätten Frauen nie etwas anderes gemacht. In ihrer Vorstellung gehört zu einem solchen Leben eine bestimmte Art von Selbstvertrauen, das ihr immer gefehlt hat. Es ist für sie nicht denkbar, dass sie zu diesen Frauen hätte gehören können.

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